Was Dieter Reiters Niederlage uns über Krisenkommunikation lehrt

Erschienen in der Abendzeitung München — und was ich noch hinzufügen möchte

Am vergangenen Samstag hat mich die Abendzeitung München zu einem Interview gebeten — über die Wahlniederlage von Dieter Reiter und was sie aus Sicht eines Krisenmanagers bedeutet. Die Resonanz hat mich ermutigt, die wichtigsten Gedanken hier noch einmal aufzugreifen und zu vertiefen.

Wie konnte das passieren?

Dieter Reiter hat als Oberbürgermeister echte Krisen souverän gemeistert: die Unterbringung Tausender Geflüchteter, den Terroranschlag am OEZ, eine globale Pandemie. Und doch ist er an einer vergleichsweise kleinen, selbst verursachten Affäre gescheitert. Wie kann das sein?

Meine Antwort im Interview war: Sobald es um einen selbst geht, spielen Emotionen eine ganz andere Rolle. Und Fußball — die Leidenschaft für den FC Bayern — kann Menschen dazu bringen, sich irrational zu verhalten. Das können viele Münchnerinnen und Münchner nachvollziehen. Nur hilft es in einer Krise leider nicht weiter.

Der teuerste Fehler: scheibchenweise kommunizieren

Was mich im Rückblick am meisten überrascht hat, war nicht die Affäre selbst — sondern der Umgang damit in den Tagen vor der Wahl. Verfehlungen wurden nur häppchenweise eingeräumt, und auch nur unter Druck. Das ist einer der klassischsten und gleichzeitig folgenschwersten Fehler in der Krisenkommunikation.

Denn die Öffentlichkeit verzeiht Fehler. Was sie nicht verzeiht, ist das Gefühl, nicht die ganze Wahrheit zu erfahren. Jedes neue Scheibchen Wahrheit stellt dieselbe Frage: Was kommt als nächstes? Das kostet Glaubwürdigkeit — und die ist in einer Krise das wertvollste Gut, das man hat.

Was stattdessen hilft

Gnadenlose Ehrlichkeit von Anfang an. Die volle Wahrheit auf den Tisch legen, Verantwortung übernehmen, Konsequenzen akzeptieren. Und die Kommunikationshoheit nicht aus der Hand geben. Wer in der Krise schweigt oder zögert, überlässt anderen das Narrativ — und dann füllen Gerüchte das Vakuum.

Im Interview habe ich auch auf ein positives Münchner Beispiel hingewiesen: den Umgang mit dem Terroranschlag am Olympia-Einkaufszentrum 2016. Eine transparente, ehrliche Kommunikation — und eine einzige, glaubwürdige Stimme nach außen. Das hat funktioniert.

Was mich täglich antreibt

Die Fragen aus dem Interview haben mich wieder daran erinnert, warum ich diesen Beruf gewählt habe: Es geht nie nur um Kommunikationstechnik. Es geht darum, in schwierigen Momenten die Perspektive der Menschen einzunehmen, die betroffen sind — und dann klar, ehrlich und empathisch zu handeln. Das gilt für Politiker genauso wie für Unternehmen, Vereine oder Einzelpersonen.

Krisen lassen sich selten vorhersagen. Wie man auf sie reagiert, kann man üben. Wer das in ruhigen Zeiten tut, behält in stürmischen die Kontrolle.

Das vollständige Interview mit mir ist in der Abendzeitung München vom 19. April 2026 erschienen: https://www.abendzeitung-muenchen.de/muenchen/keine-strategie-experte-rechnet-mit-reiter-management-ab-art-1125894

Sie möchten Ihr Team auf Krisensituationen vorbereiten? Sprechen Sie mich gerne an.

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